50 Jahre Fernwärme - 50 Jahre Erlanger Geschichte

Teil 1: Die Anfänge

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war für Erlangen eine höchst spannende Zeit. Die Einwohnerzahl Erlangens hatte sich nach dem Krieg bis Anfang der 60er Jahre auf 75.000 Einwohner verdoppelt, vor allem im Osten und Süden der Stadt entstanden neue Siedlungen. Bei der Planung dieser Stadtteile wurde natürlich auch intensiv über das Versorgungskonzept diskutiert.

Dr. Wosahlo, Betriebsleiter der Erlanger Stadtwerke wies den Stadtrat darauf hin, dass jetzt entschieden werden musste, ob noch in die Gasversorgung investiert werden oder ob ein neues Heizsystem aufgebaut werden sollte. Die Gasproduktion der Stadtwerke war durch steigende Kohlepreise und Schwierigkeiten beim Koksabsatz immer unwirtschaftlicher geworden. Bei den nachfolgenden Beratungen spielte auch der Punkt "Reinhaltung der Luft" eine große Rolle, da damals die Reinigung von Abgasen technisch noch in den Kinderschuhen steckte.

Bauarbeiten Heizkraftwerk 1960
Bauarbeiten Heizkraftwerk 1960

1952 kam es zum Beispiel in London zu einer Katastrophe. Ungünstige Wetterverhältnisse und ein hoher Anteil von Giftstoffen aus Hausbrand, Verkehr und Industrie forderten innerhalb von 14 Tagen 4000 Menschenleben! Die Giftstoffe der Luft waren damals vor allem Schwefeldioxyd, Kohlenoxyd, nitrose Gase, ganz oder unvollständig verbrannte Autokraftstoffe, Bleiverbindungen aus dem Autobenzin Staub und Ruß.

Der Vorteil eines zentralen Heizkraftwerkes anstelle vieler einzelner Feuerstellen lag auf der Hand, denn in einem solchen Werk werden Kohle und Öl unter ständiger Beobachtung - auch der Abgase - äußerst wirtschaftlich verbrannt. Zwar waren die technischen Möglichkeiten Rauchgase zu reinigen damals noch längst nicht so entwickelt wie heute, aber immerhin garantierte ein hoher Kamin, dass die Abgase über die Stadtgrenzen getragen wurden und auf diesem langen Weg die gefährlichen Konzentrationen verloren gingen.

Die ersten Überlegungen, in Erlangen ein eigenes Heizkraftwerk zu errichten, gehen bereits auf das Jahr 1957 zurück, und 1958 wurde der Auftrag zu einer Vorplanung eines Heizkraftwerkes erteilt. Die Siemens-Schuckertwerke AG baute in Erlangen und zeigte Interesse an dem Projekt einer Fernwärmeversorgung und auch der neue Oberbürgermeister Dr. Lades griff den Gedanken auf, da er gut zu seinen großen Bauplänen passte.

1959 gab der Stadtrat grünes Licht, am 18.3.1960 wurde der Auftrag an Siemens-Schuckert vergeben, ein schlüsselfertiges Heizkraftwerk zu planen und zu erstellen am 18.7.1960 begannen die Erdarbeiten.

Nach einer Bauzeit von nicht einmal 1 ½ Jahren wurde nach Abschluss des Probebetriebes am 13.11.1961 die Wärmeversorgung der ersten Wärmeabnehmer aufgenommen und über die Heizperiode 1961/1962 eine durchgehende Wärmeversorgung durchgeführt.

Quellen: Stadtwerkebroschüre von 1964, Artikel zu 25 Jahre Fernwärme im Neuen Erlangen, Heft 75, August 1987

Teil 2: Die Nachkriegsjahre

In den Nachkriegsjahren wurde aus Erlangen sehr schnell eine kleine Großstadt. Siemens und die Universität beflügelten sich mit dem Ausbau der Medizintechnik gegenseitig und zogen Fachleute aus aller Welt nach Erlangen.

Ganze Stadtteile wurden neu gebaut und mussten mit Energie versorgt werden. Das Forschungszentrum der Firma Siemens im Stadtsüden und die Verwaltungsgebäude in der Stadtmitte waren die ersten großen Gebäudekomplexe, die mit Fernwärme versorgt wurden. Mitte der 70er-Jahre kamen die Kliniken und andere Universitätsgebäude in der Innenstadt hinzu. Ein ganz großer Kunde wurde in den 80er-Jahren die US-Army. Sie wollte im kalten Krieg nicht von russischen Erdgaslieferungen abhängig sein und drängte auf ein Konzept mit Fernwärme vom lokalen Versorger. Im Stadtteil Sieglitzhof wurde sehr erfolgreich für den Anschluss an die Fernwärme geworben.

Heute haben die ESTW dort eine ungewöhnlich hohe Anschlussdichte - 85 Prozent der Haushalte heizen mit Fernwärme. Auch nach dem Abzug der amerikanischen Armee wird das Neubaugebiet Röthelheimpark komplett mit Fernwärme versorgt.

Saubere Luft über der Stadt

Die Emissionen des Erlanger HKWs haben sich seit 1985 stark verringert. Schwefelarme Brennstoffe, stickoxidarme Brenner, neue Filteranlagen und eine effektive Rauchgasentschwefelung sorgen für saubere Luft über der Stadt. 1985 wurde die Entschwefelungsanlage gebaut. Rauchgase, die bei der Verbrennung von Kohle entstehen, werden von Schwefelverbindungen gereinigt. Dazu wird Kalkmilch durch einen rotierenden Zerstäuber in das Rauchgas gesprüht. Es bildet sich ein Gemisch von Kalzium-Schwefel-Verbindungen, das in einem Gewebefilter zurückgehalten wird.

Das Endprodukt der Rauchgasentschwefelung wird bei der Produktion von Düngemitteln oder zur Verfüllung im Bergbau eingesetzt und wird so komplett weiterverwertet. Auch der Flugstaub wird herausgefiltert, ehe die Abluft den Kamin verlässt. Nur noch 1 mg/Nm³ (Milligramm je Norm kubikmeter Luft) sind in der Abluft enthalten, der gesetzlich vorgeschriebene Wert von 20 mg/Nm³ wird damit deutlich unterschritten.